Ein laufendes Goethe-Institut oder ein Sozi in Indien

Veröffentlicht am 20.03.2010 in Vermischtes

Ungefähr vor einem Jahr bekam ich die Zusage des ICJA Freiwilligenaustausch weltweit e.V. für mein geplantes Auslandsjahr: Indien. Wow. Um nicht enttäuscht zu werden, versuchte ich mir keine genauen Vorstellungen von Land und Leuten zu machen, da die Wirklichkeit in einem riesigen Subkontinent dann doch anders ist, als es die vielfarbigen Titelgeschichten in der deutschen Presse über Indien als kommende Supermacht behaupten.

von Felix Boos, ehem. Juso aus Schlupforte im FSJ in Indien

Als das Entwicklungsministerium noch ernsthafte Politik machte und nicht als Personal-Altlager der FDP diente, wurde auch das weltwärts-Programm eingeführt. Wieczorek-Zeul wollte mit 50 Mio. Euro im Jahr 10.000 junge Deutsche ins Ausland schicken, damit sie dort als Sozialarbeiter arbeiten. In der Presse wurde teils heftig kritisiert, dass man junge Leute als „Entwicklungshelfer” schicken würde, die zudem noch „pragmatisch, unpolitisch, karrieristisch” seien. Dass das nicht stimmt, merke ich jeden Tag.

Seit August letzten Jahres lebe ich nun schon als weltwärts-Freiwilliger in Indien. Ich lebe zwei Busstunden entfernt von Bangalore, der boomenden IT-Metropole, in einer kleinen Stadt bei einer christlichen Gastfamilie. Jeden Tag fahre ich mit dem Bus in ein 20 Kilometer entferntes kleines Dorf und unterrichte Englisch in einer Grundschule. Anfangs stellte mich die neue Lebenswirklichkeit schon vor nicht kleine Herausforderungen. So erzeugt das indische Essen und besonders das südindische für europäische Gaumen anfangs kleine Brände im Mund. Genauso bestanden Sprachprobleme. In Indien wird in fast jedem der 28 Bundesstaaten eine eigene Sprache gesprochen. Als Medien der innerindischen Verständigung dienen Hindi und die Sprache der ehemaligen Kolonialmacht – Englisch.

Im Bundesstaat Karnataka, wo ich lebe, wird Kannada gesprochen. Anfangs konnte ich mich mit meiner Gastfamilie und den Kindern nur auf Englisch verständigen. Mittlerweile ist mein Kannada so gut, dass ich auch jüngere Klassen unterrichte. Und dann gab es natürlich noch ein ganzes Bündel an Kulturschocks: Seien es die Postbeamten, die einen Brief nicht mehr losschicken wollen, weil es schon fünf Minuten vor Schluss ist oder Inder, mit denen ich mich treffen möchte und die einfach nicht kommen und nicht Bescheid sagen oder mindestens eine Stunde zu spät kommen. Besonders verwirrend ist das Kopfwackeln. Wenn man mit etwas einverstanden ist, nickt man nicht, nein, man wackelt den Kopf so als wäre der Hals aus Götterspeise. Und natürlich dachte ich auch nicht, dass ich innerhalb eines halben Jahres die Position wechseln sollte: vom Schüler zum Lehrer. Aber viele Freiwillige in Indien werden als Lehrer eingesetzt, da es an gut ausgebildeten Lehrkräften mangelt.

Diejenigen, die gut Englisch sprechen, heuern bei den IT-Firmen an, weswegen ich mich mit meinen Lehrern auch auf Kannada und nicht auf Englisch unterhalten muss. Aber Englisch ist in Indien Vorraussetzung, um an diesem märchenhaften Wachstum teilzunehmen. Deshalb bin ich auch so daran, die Kenntnisse meiner Kinder zu verbessern. Ich denke schon, dass meine Arbeit über ein Jahr gesehen Früchte tragen wird. So bekommen die Kinder Englisch mit Struktur vermittelt, während sie bei den anderen Lehrern oftmals falsches Englisch auch noch auswendig lernen müssen. Wenn ich einen Text mit den Kindern bearbeite, ermutige ich sie auch, selber Fragen zu stellen und Antworten zu finden, denn klassischerweise wird in Indien zu 100 Prozent frontal unterrichtet. Und manchmal, wenn ein bisschen Zeit übrig bleibt, singe ich mit den Kindern Songs von den Beatles. Und selbstverständlich schlage ich die Kinder nicht, was in meiner Schule und auch sonst in Indien nicht selten ist. Für Disziplin sorge ich durch andere Methoden und nicht zuletzt dadruch, dass die Kinder bei mir auch selbst nachdenken müssen.

Die Realität abseits der boomenden Metropolen in Indien wird in der deutschen Presse dagegen nur selten angesprochen. Die Armut auf dem Lande ist weiterhin groß und für den ersten Beobachter immer noch schwer verdaulich. Genauso ist das Kastensystem, also die Einteilung der Hindus (der größten Religion des Landes mit 82 Prozent Zugehörigkeit) in vier Gruppen, in welchen man lebt, heiratet und arbeitet, auf dem Land noch sehr stark.

Ich bin kein Entwicklungshelfer und der Großteil der Freiwilligen, die ich kenne, entschied sich für den Freiwilligendienst nicht, um den eigenen Lebenslauf zu frisieren. Und jeder, der mich ‚unpolitisch‘ nennt, irrt sich bei mir gewaltig. Indien entwickelt sich allein, dazu braucht es keine Legionen ausländischer Helfer, schon, weil die vielen Probleme von den Indern selbst gelöst werden müssen – wie das Schlagen der Kinder zum Beispiel. Freiwillige sind Völkerverständiger und keine Entwicklungshelfer. Allein, dass ich immer wieder und besonders meinen Kindern von Deutschland erzähle, sorgt für gegenseitiges Verständnis. Meine Arbeit hier dient so als Mittel, um gegenseitige Missverständnisse zu korrigieren. Ich bin damit so etwas wie ein laufendes Goethe-Institut. Wer diese Arbeit weiterverfolgen möchte, kann sich mein Internet-Tagebuch ansehen.

 
 

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